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  • sarahraich

Zigaretten und Sternschnuppen

Ich sitze auf der Terrasse, um mich die Dunkelheit. Die Nacht kommt nun immer früher. Der Rauch strömt in meine Lungen, ich sauge noch ein bisschen fester, bis das Nikotin kickt und einen leichten Schwindel macht. Manchmal erlaube ich mir das, was früher meine Feier-Zigarette war, und vielleicht sogar ein halbes Glas Bier, auch wenn das riskant ist, ich habe eh schon zu oft Migräne. Aber manchmal halte ich mich daran fest, an der Zigarette und dem halben Bier und starre in die Dunkelheit hinter dem Haus. So richtig weiß ich nicht, was das soll. Manchmal rede ich mir ein, ich bräuchte das, dass noch was passiert. Vielleicht erinnert es meinen Körper an irgendetwas, das mein Kopf nicht kennt. Ich habe keine Ahnung.

Eine Sternschnuppe schießt über meinem Kopf durch die Dunkelheit. Kurz und schnell. Feuer! Denke ich. Moria. Während ich hier sitze, brennt gerade das Lager in Moria zum zweiten Mal. Und ich sitze hier, mit meiner Zigarette und einem schalen Bier, weil ich die Flasche schon vor zwei Tagen aufgemacht habe und den Rest nicht wegschütten wollte und tue mir leid. Heute haben Menschen demonstriert, Helfer aus Deutschland sind in Griechenland, auf dem Mittelmeer, helfen. Und ich sitze hier und habe das Gefühl, dass ich geradeso meinen eigenen Kopf über Wasser halten kann. Während ich in meiner Doppelhaushälfte sitze und in mein finsteres Stückchen Garten starre.

Ich ziehe noch einmal an der Zigarette. Sie glimmt auf, leise knisternd, diesmal gibt es keinen Kick, es kratzt nur im Hals und ein schaler Geschmack bleibt zurück.

Ich habe eine Pelletheizung und Solarkollektoren, ich kaufe im Bio-Markt und spende Geld für verschiedene NGOs und weiß doch, dass das am Ende ein Witz ist. Auf Twitter schreibe ich für Feminismus, gegen Nazis und nach Hanau war ich sogar auf einer Demonstration, mit den Kindern, abends. Danach haben beide vor Übermüdung geheult und der Kleine war am nächsten Tag krank. Das machen wir lieber nicht wieder, haben wir gesagt. Das war zu viel für uns. Ja. Aber was dann?

Ich ziehe noch einmal an meiner Zigarette, auch wenn es mir wirklich nicht schmeckt. Die Glut ist schon sehr nah am Filter. Aber irgendetwas muss doch heute Abend noch passieren, denkt mein Körper und nimmt ein Schluck von dem schalen Bier. Irgendwohin muss das alles doch führen. Mir wird ein bisschen schlecht und ich bekomme Angst, dass ich wirklich morgen Migräne bekomme. Ist nicht so schlimm, beruhige ich mich. Dann nimmst du eine von den Tabletten, noch wirken sie ja. Schon, denke ich zurück, aber ist doch scheiße, wenn das immer alles nur mit Tabletten geht. Tja. Ist die Antwort. Was willst du machen.

Ich stelle mir vor, wie das wäre. Jetzt. In Moria. Mit zwei Kindern. Und Migräne. Und Feuer. Und keiner Terrasse von der aus man in die Nacht starren kann, sondern nur Zeltplanen zwischen mir und den anderen und einem Wasserhahn für ein paar Tausend Menschen. Würde mein Körper dann aufhören mit der Migräne? Weil, ich kann es mir nicht vorstellen. Wie soll das gehen? Wie macht man das? Wie hält man das aus? Mit oder ohne Migräne. Ich habe keine Ahnung.

Und dann stelle ich mir die Frage, die ich mir seit ein paar Monaten immer an diesem toten Gedankenende stelle. Immer, wenn sich dieser Knoten gebildet hat, über die Ungerechtigkeit, über all das Elend dieser Welt und meinem eigenen Anteil daran. Würdest du, stellvertretend für alle Leidenden, Menschen und Tiere, ein elendes Leben führen, wenn es allen anderen dann gut ginge? Die Regel ist, wenn ich mir diese Frage gestellt habe, muss ich mir vor Augen führen, was das bedeuten würde. So konkret wie möglich. Ein Leben ohne die Menschen, die ich liebe, eingesperrt. Ohne Bücher, ohne Gespräche, ohne Ablenkung, in Einsamkeit und völliger Traurigkeit. Ohne Ausweg. Ohne Hoffnung.

Meine Antwort ist immer dieselbe.

Die Zigarette ist vollkommen runtergebrannt. Ich drücke die letzte Glut auf den Steinplatten aus und schaue noch einmal in den wolkenlosen Sternenhimmel. Ich würde gern noch eine Sternschnuppe sehen. Für einen kurzen Moment fühlt es sich dann an, als zwinkerte mir das Universum zu: Na? Du Zwerg?

Aber es kommt keine zweite. Und warum will ich auch eine zweite? Reicht nicht eine? Und dann entdecke ich einen Satelliten, wie er seine schnurgerade Bahn über mir zieht, ein Stern in Bewegung, so sieht er aus, auch wenn es in Wirklichkeit nur ein Haufen Blech ist, der das Sonnenlicht zurückwirft.




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