Dieses makellose Blau

Es beginnt in der Ecke oben links, hinter dem Hochbett. Die Tapete verdunkelt sich, wirft schwarze Blasen, für einen Moment schein alles still zu stehen, und dann fegt der Feuersturm das Zimmer fort.

„Mama, du sollst bauen!“

Ob sie die Schmerzen spüren würden? Oder geht es so schnell, dass das Nervensystem blockiert, bevor die Gefühle durchkommen?

Sie geht in die Küche und steckt zwei Scheiben Toast in den Toaster. Der Raum ist dunkel und gemütlich, alles okay hier. Alles okay. Der Frischkäse ist schon ein bisschen eingetrocknet, eine gelbliche Kruste, die am Rand der Packung klebt. Sie hebt sie hoch zu ihrem Gesicht und sucht nach den dunklen Flecken von Schimmel. Die weiße Masse riecht wie immer, kühl, salzig und metallen.

„Mama! Essen!“ Die Freude in ihren Stimmen ist laut und grob, sie stupsen ihre kleinen Körper an ihren, springen auf der Stelle, die Arme nach oben gestreckt, als könnten sie so irgendwie ändern, dass ihr Kopf unerreichbar ist. Sie lächelt zurück, streicht über verstrubbeltes Haar, das Spiegeln von Emotionen ist so wichtig.

Die Sonne ist hell, der Himmel blau. So blau als wäre dahinter nichts, keine Schwärze, die auf die Nacht lauert. Er wirkt so echt, dieser Himmel über ihnen. Dabei ist Nichts an ihm wahr. Bloß eine Hülle zwischen ihnen und der Wirklichkeit, der Düsternis des Weltalls und den brennenden Sternen.

„Schau mal, ein Hubschrauber“, sagt der Kleine und zeigt hoch. Sie schaut nicht hin, da oben fliegt nichts, sie kennt das schon. „Ja“ sagt sie. „Schön.“

Wieder kommen die Flammen, diesmal fegen sie über die Straße, schmelzen den Asphalt, sie kann sehen, wie er zu kochen beginnt. Sie kann nicht aufhören, darüber nachzudenken. Ob es einen Moment des Schmerzes geben wird?

„Guck mal, was ich kann!“ Der Große ist auf das Mülltonnenhäuschen geklettert. Sie schaut, die Hand über den Augen, so dass die Sonne ihr nicht die Sicht nimmt. Er breitet die Arme aus, der ganze Körper gestreckt, ein festgefügter Zellhaufen voller Spannung. „Ich fliege!“ schreit er und stößt sich mit beiden Beinen vom kieselbesetzten Waschbeton ab. Sie macht einen Schritt vorwärts und breitet die Arme aus. Sein Körper schlägt auf ihr ein, fast stürzen sie zu Boden, aber sie fängt sich mit einem weiteren Schritt auf. „Hast du das gesehen?“ Er nimmt ihr Gesicht in die Hände, seine Augen blitzen vor Stolz. Sie nickt und fragt sich, wie das eigentlich geht, dass die Augen so aussehen können, so voller Gefühl. Es sind doch am Ende nur gefärbte Fitzelchen, die ein schwarzes Loch umklammern. Sie lässt ihn langsam zu Boden gleiten und streicht ihm über die Stirn. „Hast du gesehen?“ fragt er noch einmal. Sie nickt und nimmt seine Hand. Den Kleinen greift sie mit der anderen und wuchtet ihn auf ihre Hüfte. Er ist schon so schwer, aber wenn sie ihn trägt, muss sie nicht darauf achten, wo er gerade hinläuft. Wenn sie ihm zuschaut muss sie manchmal an einen schlecht programmierten Roboter denken, der hin und her irrt, Dinge aufhebt, wieder hinwirft, immer auf der Suche nach der Logik in seinem Programm.

„Wohin gehen wir eigentlich, Mama?“ Der Große fragt ohne Argwohn in der Stimme. Eine reine Neugierde, an die sie sich gern erinnern würde, aber sie weiß nicht, ob sie sich je so gefühlt hat. „Einfach ein bisschen die Straße entlang“, antwortet sie schließlich. Sie weiß, er würde nicht lockerlassen, wenn sie schweigt. Das hat er noch nie akzeptiert. Deshalb hat sie sich angewöhnt das zu sagen, was nach den vielen Filtern, die sie für ihn zwischen ihre Gedanken und ihre Worte legt, noch übrigbleibt. Wir gehen einfach ein bisschen die Straße entlang, weil es nichts gibt, wohin wir gehen können, weil es kein Versteck gibt.

„Warum können Menschen eigentlich nicht fliegen?“

„Weil wir keine Vögel sind.“ Sie weiß, das ist nicht genug als Antwort. Sie will anheben und etwas über Gewicht und Röhrenknochen sagen, über das Verhältnis von Spannweite und Körpergröße. Aber es gelingt ihr nicht so recht, die Gedanken so zusammenzufügen, dass sie sie aussprechen mag.

„Du fliegst, die ganze Zeit“, hört sie sich schließlich sagen. „Wir alle fliegen im Weltall.“ Auf dieser winzigen Kugel von der es kein Entkommen gibt.

„Cool!“ brüllt er und streckt seine Faust in die Luft. „Wie Superman! Wir sind alle Superman!“ Dann macht er sich los von ihrer Hand und klettert auf das Mäuerchen neben ihnen. „Fängst du mich auf der anderen Seite auf?“

„Ja“, sagt sie. „Natürlich.“ Sie blickt hinauf in den Himmel. In dieses makellose Blau.

Alle Texte und Bilder auf dieser Seite sind von Sarah Raich, Ausnahmen werden benannt.