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  • sarahraich

Schnee, der auf eine Jacke fällt

Der Schnee fällt in schweren Flocken. Wie eine durstige Herde stürzen sie vom Himmel, jagen einander hinab in die Tiefe, manche torkeln gegen die Fensterscheiben, an denen sie als feuchter Fleck hängenbleiben. Es schneit seit Stunden, die weiße Masse verformt die Landschaft, polstert sie, macht sie rund und schweigsam.

Was, wenn es immer weiter schneit? Einfach immer weiter? Wenn die Flocken fallen und fallen, immer noch eine hinter der anderen herjagend, sich aufeinanderlegen, heranwachsen zu Türmen aus Schnee? In meinem Kopf verschwindet die Welt im Schnee, ein Sommer scheint unmöglich, die ferne Fantasie eines fiebrigen Hirns.

Bei jedem Wetterextrem taucht dieser Gedanke auf. Was, wenn es für immer so bleibt? Was, wenn nie wieder Regen fällt? Was, wenn der Schnee für immer bleibt? Was, wenn der Regen niemals aufhört? In meinem Kopf verdorren Pflanzen, fallen verdurstete Vögel von vertrockneten Zweigen, wenn die Sonne tagelang vom Himmel brennt. Wenn Regen ohne Unterlass zu fallen scheint, kann ich nicht aufhören zu sehen, wie die Erde zu Matsch wird und in meinem Kopf endlich zu einem endlosen See. Wann würde ich in Panik verfallen? Wann resignieren? Wann sterben, so wie die verdursteten Vögel? Hatte ich diese Gedanken schon immer? Oder haben sie sich erst in den letzten Jahren in mir festgesetzt? Ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß nur, im letzten Jahr überfielen sie mich oft.

Nun also Schnee. Der noch immer vom Himmel fällt, als könnte er meine Gedanken lesen und wolle sie jetzt übertreffen. In gleichen Teilen scheint er alles zu verschönern und zu ersticken. Nichts bleibt es selbst, alles dort draußen wird durch ihn zu etwas Anderem.

Es wird dunkel und schneit noch immer und nun ziehe ich mir die Jacke über, steige in die gefütterten Gummistiefel, die ich nur aus Verlegenheit gekauft habe, aber seit Jahren trage.

Während ich mich anziehe denke ich daran, wie Schnee die Geräusche dämpft, wie still alles durch ihn wird. Weil der Schnee alles verlangsamt. Weil der Schnee die Geräusche schluckt, wie ein flauschiger Teppich.

Doch für mich ist es draußen nicht still. Der Schnee fällt herab, deckt alles zu. Doch jede Flocke, die auf meiner Jacke landet, erzeugt ein schrilles, scharrendes Geräusch. Nicht laut. Aber unangenehm. Als wollten sich die Flocken in dem glatten Stoff festkrallen und rutschten dann langsam, ihre Zacken am Stoff entlangkratzend, hinab.

Ich fange etwas Schnee mit meiner Hand auf und sehe, dass es keine dieser schönen Sternchen sind. Es sind eher kleine Kügelchen, die beim genauen Betrachten große Ähnlichkeit mit dem haben, zu dem man Styropor zerkrümeln kann. Ich versuche, meinen Körper anders zu drehen, mich kleinzumachen, damit der Schnee auf meiner Jacke nicht so laut ist. Doch es hilft nichts. Die Stille des Schnees höre ich nicht. Ich höre nur das Scharren auf meiner Jacke.

Ich biege in den Wald ein, der unnatürlich hell unter dem sternenlosen Nachthimmel liegt. Das wenige Licht wird hier tausendfach hin- und hergeworfen und verstärkt zu einem diffusen Leuchten.

Ich frage mich, ob der Schnee auch Geräusche macht, wenn er auf anderes fällt, als auf mich. Ich beuge mich über die Zweige einer kleinen Tanne und versuche mein Ohr nah an ihre schneebedeckten Zweige und weg von meinem Körper in der Jacke zu bekommen.

Ein Paar spaziert vorbei und verstummt, als sie mich so sieht, verrenkt am Wegesrand.

Ich verharre trotzdem weiter in der seltsamen Position, versuche in meinem Kopf durch das Scharren des Schnees auf meiner Jacke hindurchzuhören, so wie ich die Werbung im Internet ausblende, um mich auf den Text zu konzentrieren. Doch statt zu verschwinden, wird das Kratzen des Schnees immer lauter, bis ich schließlich gar keine Gedanken mehr habe, sondern nur das seltsam scharfe Rauschen in meinem Kopf.

Fast will ich aufgeben, mich aus meiner unbequemen Position zurückziehen. Ich verzweifele fast daran, dass ich dem Lärm der Schneeflocken nicht entkommen kann, weil ich die zweite Hälfte des Lärms bin, oder genauer sogar die Verursacherin des Lärms, denn ohne mich würde der Schnee leise fallen können, müsste nicht an meiner Jacke hinabkratzen. Allerdings könnte ich, ohne Schnee, der vom Himmel fällt, auch in Stille durch den Wald gehen. Nein, es sind der Schnee und ich gemeinsam, die diese unangenehmen Laute schaffen. Und dann, wie der darunterliegende Beat, der einem erst beim hundertsten Hören eines Songs wirklich auffällt, kann ich das dahingehauchte Rascheln hören, mit dem die kugeligen Flocken auf die Tannenzweige fallen.

Der Schnee ist mittlerweile mehr als kniehoch. Gäbe es nicht schon Spuren der vor mir Gegangenen, ich käme nur beschwerlich voran, vielleicht würde ich sogar steckenbleiben.

Ich lausche dem Rieseln und höre die seltsame Ruhe, die von ihm ausgeht. Ganz anders als das Geräusch, das der Schnee und ich machen. Und mitten im tief verschneiten Wald verschwindet der Gedanke, dass der Schnee für immer fallen könnte. Nein, er wird müde werden, der Schnee. Und dann wird etwas Anderes geschehen.


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