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  • sarahraich

Abfahrt - eine Kurzgeschichte

Seine Hand griff ins Leere. Scheiße. Automatik. Er rieb die Zähne aufeinander. Er wollte den Schaltknüppel aus dem gemütlichen vierten Gang zerren und in den Schlitz für den dritten rammen, oder sogar den zweiten. Den Motor aufheulen lassen, den Satz spüren den das Auto machen würde, das willige Jaulen, der leichte Druck in die Ledersitze. Seine Handfläche schwitzte. Er rieb sie an diesem hässlichen Stummel, den Automatik-Autos statt einer Schaltung hatten. Mit einem Sicherheitsknöpfchen, damit nicht irgendeiner dieser verblödeten Automatik-Fahrer aus Versehen an seinem Automatikgetriebe rumschalten.

Seine Finger krallten sich in die grobporige Lederverkleidung. Am liebsten hätte er das ganze Ding rausgerissen. Stattdessen trat er das Gas durch, wenigsten ein kleines Jaulen wollte er. Der Wagen tat ihm den Gefallen, aber das Getriebe schaltete weich, ohne dass er etwas tun konnte.

Der Lichtkegel traf die rotweißen Pfeile der nächsten Haarnadelkurve. Er trat auf die Bremse, der Hintern des BMWs brach für einen Augenblick aus, ein Kitzeln jagte seinen Bauch hinab. Ja, du kleine Bitch, so hat dich noch keiner geritten, was? Sonst kriegst du immer nur diese tristen Vorstadtdaddies, die durch irgendeinen dummen Zufall bei Siemens die Karriereleiter raufgefallen sind und jetzt im Urlaub einen Siebener mieten, aber dann doch zu feige sind, es dir richtig zu besorgen.

Die nächsten Pfeile, er wartete bis zum letzten Moment, das kalte Licht ließ die Gesteinsbrocken am Abgrund scharf aufleuchten, dann riss er das Sportlenkrad herum. Die Reifen quietschten. „Wohooo!“ schrie er den blau leuchtenden Anzeigen entgegen. Ja, das war doch was! Wie gerne hätte er jetzt ein bisschen harte Musik, vielleicht Metallica oder so etwas wie Motörhead. Irgendwas, das richtig an den Nerven riss, aber er hatte vergessen sein Telefon anzuschließen. Und er wollte auf keinen Fall anhalten. Er ließ das Fenster herabsurren, die Nachtluft schoss herein, immer noch warm, würzige Kräuter, den Duft herausgebrannt von der erbarmungslosen Sonne, er roch ihre Hitze auch jetzt noch im Straßenstaub.

„Wohooo!!!“ Schrie er noch einmal, den Kopf aus dem Fenster gestreckt. Die Luft presste sich gegen den Mund wie ein Stück Frischhaltefolie, der Schrei kam halbgar, nicht so richtig hart. Er zog den Kopf wieder ein und ließ seinen Fuß vom Gas gleiten. Nein, das war es einfach nicht. Da konnte er sich noch so Mühe geben. Warum verdammt, hatte er nicht darauf geachtet, was sie ihm für eine Karre vors Gate gestellt hatten. Solche Penner. Wer wollte schon einen Automatikwagen? Das war ihm noch nie passiert. Noch einmal trat er aufs Gas, um den Motor aufheulen zu lassen. Dieses halbgare Knurren. Fuck! Das war ja, wie in ein Kondom spritzen. Am liebsten hätte er die Bodenplatte durchgetreten. Das fing ja richtig großartig an. Er spürte dieses Kribbeln in seinen Eiern. Wenn er was nicht richtig rauslassen konnte, dann ging das los.

Wie mit der Studentin neulich, die sich einfach nicht ficken lassen wollte. Was er auf die eingelabert hatte. Sie war ja mitgekommen in sein Hotel. Was hatte die denn geglaubt, was dort passieren würde? Ein bisschen an die Titten hatte sie ihn gelassen und meine Güte, was waren die geil gewesen. So richtig rund und saftig, fest und ein kleines bisschen, nur ein klitzekleines bisschen, hingen sie, wie sich das gehörte, wenn sie echt waren. Ihm war fast der Sack geplatzt. Und als er ihr an das Höschen wollte, da war einfach Schluss gewesen. Er hatte geknutscht und gefummelt, ihr irgendeinen Scheiß ins Ohr gesäuselt, wie schön sie ist, wie geil ihre Titten sind. Aber sie hatte ihn einfach nicht rangelassen. Sie hatte nur ein bisschen gelächelt und ihm über das Haar gestreichelt. Seine Eier hatten gekribbelt als hätte er sie in einen Ameisenhaufen gehängt. Nur wegen dieser blöden Schlampe. Fast durchgedreht war er. Er hob eine Arschbacke um sein Gewicht ein bisschen zu verlagern. Seine Chino klebte an seiner schwitzigen Haut. Er hasste dieses Gefühl. Und seine Eier kribbelten, es war zum Kotzen! Seit wann war eigentlich nicht mehr klar, was in Hotelzimmern passierte, wenn man nachts um vier nach einer Filmpremiere dort hinging? Zuerst hatte er ja gedacht, er habe den Hauptgewinn gezogen. Sie war auf jeden Fall in den Top Ten der Party gewesen. Lange Beine, so lang, sie war fast ein bisschen größer als er. Und keine von diesen abgemagerten Sternchen oder Influencer-Schlampen. Nein, mit diesen appetitlichen Brüsten und einem Hauch von einem Bauch. Wirklich nur ein Hauch, so ein zartes Hügelchen, dass dann hinabglitt zur Muschi. Einfach geil. Am besten war aber ihr Arsch gewesen. Den hatte er zuerst entdeckt, als sie dort stand, an die Bar gelehnt, den Oberkörper leicht über den Tresen gebeugt, so dass ihr Po noch deutlicher hervor sprang, diese runden Backen unter dem engen schwarzen Kleid. Er nahm die nächste Kurve, riss das Lenkrad voll herum und hörte, wie der Kies unter den Hinterreifen spritzte. Er hatte es langsam angehen lassen, hatte zugehört. Er wusste, der durfte er nicht mit „Ich lad dich mal zu Testaufnahmen ein“ kommen. Mit der war es nicht so einfach. Und das hatte ihn ja so gekickt. Dass er sich ins Zeug legen musste, dass sie nicht eine von denen war. Er drückte auf der Musikanlage rum. Es rauschte. Auf jedem Kanal rauschte es. Er drückte und drückte. Immer das gleiche Rauschen. Wieder dieses Kribbeln in seinen Eiern. Was war denn heute los? Er riss den Volume-Knopf ganz nach rechts. Nichts. Nur dieses Rauschen, hell und gleichgültig, ein Geräusch wie ein endloser grauer Brei. Er schaute auf die schwarzen Zahlen in dem bläulichen Leuchten. Er brauchte einen kurzen Moment, um zu erkennen, was anders war. Mittelwelle. Er lachte auf. Er schaltete auf UKW um. Ein plötzlicher Schmerz ließ ihn auf die Bremse treten. Die plärrende Stimme zerriss ihm fast das Trommelfell. Er riss den Regler nach links bis das Geräusch verstummte. Er schrie. „Verdammtes scheiß Radio!“ Es half ein wenig gegen die Wut und den Schmerz.

Das Auto war leicht schräg am Straßenrand zum Stehen gekommen. Der Motor hatte sich ausgeschaltet und knackte leise unter seiner eigenen Hitze. Die Scheinwerfer leuchteten die verdorrten Gräser im Straßenrand an, dahinter zerrieselte das Licht im Dunkel der Nacht. Es gab dort nichts, was es noch anleuchten konnte. Irgendwo darunter musste der Abgrund sein. Und für einen Moment schien es ihm, als schwebe er. Als könnte er genau jetzt spüren, wie sie alle im leeren Weltraum hingen, ein kleiner Funken Leben im eiskalten Nichts. Es traf ihn wie ein Faustschlag, die Luft blieb ihm weg. Er atmete gegen den Schmerz. Diese Beklemmung, normalerweise kam sie nur bei Live-Aufnahmen. Wenn er wusste, jetzt ging es um was. Jetzt konnte er nicht mehr entkommen. Aber hier. In der Dunkelheit war es schlimmer. In ihm kroch eine seltsame Angst hoch. Die Angst, er könnte hier auf dieser Straße gefangen sein. Oder schlimmer noch. Er kam aus den Bergen, schoss mit quietschenden Reifen um die letzte Kurve auf die gerade Straße auf der anderen Seite. Und niemand war mehr da. Und alles, was ihm blieb war, durch die Dunkelheit zu rasen, bis der Tank leer war.

Er lehnte sich aus dem Fenster, sog die Nachtluft in seine Nase und versuchte etwas von der Welt da draußen zu sehen. Er konnte die Lichter der Stadt noch nicht sehen. Es konnte nicht mehr weit sein, ein paar Kurven noch und das zittrige Orange ihrer Lichter würde sich unter ihm ausbreiten. Aber hier war er noch ganz im Dunkel. Wie tief es dort wohl hinunter ging, hinter der Kurve. Er drehte den Kopf, auch über ihm war das Schwarz undurchdringlich. Nur die Felsen direkt über der Kurve konnte er ausmachen, danach verlor sich der Hang, von der Nacht verschluckt die vielen Kurven, die er gerade hinabgefahren war. Mit einem Sprung fing sein Herz zu schlagen, als sei es kein Organ, als habe er hinter seinen Rippen eine riesige Faust, die ihn von innen schlug. Es befühlte seinen Oberkörper. Das Klopfen bewegte seinen Brustkorb auf und ab. Er kannte das Gefühl vom Sport und doch war es anders. Er nahm die Evian-Flasche aus dem Kühlfach in der Mittelkonsole und trank einen Schluck. Die Flasche klickte leise unter dem Druck seiner Finger.

Er zog sein Handy aus der Innentasche seines Leinensakkos. Keine Nachrichten. Er hatte ihr seine Nummer gegeben, auf einen Zettel vom Hotel gekritzelt. „Falls du mal in der Gegend bist“, hatte er gesagt. Vollkommener Schwachsinn, der Satz. Er spürte wie die Scham seinen Nacken kitzelte, seine Haarwurzeln aufrichtete. In welcher Gegend? Er hatte ihr erzählt, dass er eigentlich die ganze Zeit unterwegs war, selten lange an einem Ort, was ja auch stimmte. Meistens. Sie hatte den Mundwinkel zu einem Lächeln hochgezogen. „Klar. Wenn ich mal in der Gegend bin“, hatte sie gesagt und den Zettel in die Tasche ihrer Lederjacke gestopft. „Sonst bist du wohl eher so auf Instagram?“ Er hatte genickt mit dem unangenehmen Gefühl etwas nicht verstanden zu haben.

Er klickte auf das regenbogenfarbene Quadrat der App. 16.4K Follower hatte er. Für einen Moderator ganz ordentlich, behauptete die Agentur immer. Er scrollte durch den Feed. Macro-Fotos von Blumen, kreischend pinke Sonnenuntergänge, Luftballons, Werbevideos. Er schaute, was der Gätjen hatte, sie waren ja immerhin gleich alt. So ungefähr jedenfalls. 26.2K. Er machte ja auch immer die Oscars. Aber Zehntausend mehr? Er nahm noch einen Schluck aus der Flasche. Sein Herz schlug wieder etwas ruhiger. Er konnte nur noch ein leises Zittern erahnen, wenn er ganz genau darauf achtete. Er versuchte über sich zu lachen. HAHAHA machte er. Aber es klang so hohl, dass er sich vor sich selbst schämte. Was war nur los mit ihm?

Musik. Sein Finger tippte auf die schwarz-grünen Linien der Spotify-App. Er hinterließ kleine Tröpfchen, die das Licht des Bildschirms in Regenbogenfarben zerriss. Da war doch dieses Lied gewesen, dass ihr so gefallen hatte. Auf der Fahrt zum Hotel hatten sie es immer wieder gehört. Eine junge Frau sang, rau und keck. Was hatte sie noch immer wieder gesungen? Why are you scared of me? Why do you care for me? So ähnlich. Er tippte die Worte in den Suchschlitz. Aber die Ergebnisse waren nicht, was er wollte. Irgendwelche Playlists, die ihm nichts sagten. Er stöhnte. Warum klappte auch gar nichts. Das konnte doch nicht wahr sein. Sogar seine Eier waren still, sie konnten ja auch schlecht die ganze Zeit kribbeln, wenn die ganze Zeit nichts vorwärtsging. Aber dass sie jetzt still waren, war irgendwie noch verstörender. Wie taub sein. Oder stumm.

Wie war der Titel noch gewesen? Er konnte die Stimme hören, Fetzen von dem Lied. I can’t say no, no I can’t say no so irgendwie sang sie. Und dieser Satz I wanna end me. Hatte sie den wirklich gesungen? Ich will mich beenden? Was sollte das denn heißen? Selbstmord? Aber warum? Und warum ein Lied darüber? Er rieb seine Hände über das Lenkrad. Er sollte einfach weiterfahren und das Ganze lassen. Aber er konnte nicht. Dieses Lied hatte sich in ihm festgebohrt, rumorte durch sein Hirn wie ein unersättlicher Wurm.

Er öffnete Google und tippte. Why are you scared of me Why do you care for me. Da war es. Ein junges Mädchen, die Augen verdreht, die Haare merkwürdig grün, von Händen grob hochgerissen. Er ließ das Fenster hochfahren, die Nachtluft ließ ihn frösteln. Er tippte auf die bunte Video-Kachel. Billie raunte die dunkle Stimme eines Mannes aus dem Lautsprecher. Ja, das waren die Trommeln, wie er sie erinnerte. What do you want from me, why don’t you run from me sang das Mädchen, die Stimme verzerrt, wie verdoppelt, verdreifacht. Er legte das Handy neben sich und drückte auf den Startknopf. Das Auto sprang an, der Motor so leise, dass er in dem Gesang und dem Klopfen der Trommeln unterging. Er trat leicht aufs Gas. Doch, ja, da war er, er hörte sein leises Surren. Knirschend rollten die Reifen zurück auf die Straße. Die Mittelstreifen zuckten im Kegel der Scheinwerfer auf und verschwanden unter ihm. Die Nacht blitzte auf, die vergangene während er dem Lied zuhörte. I wanna end me, sang das Mädchen. Und honestly, I thought I would be dead by now oder so ähnlich. Und bury a friend, immer wieder bury a friend. Und What do you want from me? Das meiste von Text verstand er nicht. Sein Englisch war nie besonders gut gewesen. Und das Lied, irgendwie ging es so schnell, dass er sich das nicht alles merken konnte. Es endete mit dem Rhythmus der Trommeln, nur leiser, wie aus einem fernen Radio. Er drückte den Backbutton seines Browser und wieder raunte der Mann Billie. Fast hätte er die nächste Kurve verpasst. Er riss er das Steuer herum, der schwere Wagen schwankte, bis er seine Spur wiederfand. Er stieß den Atem aus, seine Handflächen hielten das Steuer, er spürte die Feuchtigkeit an ihnen. Okay, jetzt erstmal ruhig. Er ließ den Wagen langsamer werden. Sein Mund war trocken. Durch seine Muskeln rauschte noch das leichte Zittern des Schrecks.

Wieder war das Lied zu Ende, aber plötzlich fing es von allein an. Seltsam, aber er verstand nicht immer, was da passierte, im Handy. Manchmal schien das Ding ein Eigenleben zu haben.

Diesmal war es anders, das Lied. Schneller irgendwie, die Stimme des Mädchens merkwürdig hoch. Die Trommeln klopften hektisch. Die Lichter der Stadt, sie mussten doch irgendwann kommen. Aber auch bei der nächsten Kurve versank das Licht der Scheinwerfer im Dunkel, ohne dass irgendetwas ihr Leuchten auffing. Auch das orangene Leuchten konnte er nirgends entdecken. Diesmal ließ er das Lied einfach vorbeirauschen, versuchte gar nicht den Text zu verstehen. Er ließ sein linkes Bein in dem raschen Takt mittippen. Es gefiel ihm irgendwie, ja er konnte verstehen, warum sie es so mochte, eine Sehnsucht war darin, oder war es eher eine versteckte Wut? Und wieder begann das Lied, diesmal wieder langsamer, die Stimme schien ihm nun fast dunkel und männlich. Today I’m thinking about the things that are deadly hörte er sie singen. Auf einmal konnte er sie wieder sehen, fast als säße sie neben ihm. “So ein geiles Lied!” hörte er sie murmeln, den Kopf aus dem Fenster, die Augen geschlossen, das Gesicht umweht von dem dunklen Haar, das ihr bis über die Schultern reichte. Ihre Lippen hatten sich bewegt, zur Stimme im Lied. Er hatte ihr eine Hand auf ihr Bein gelegt, hatte es gestreichelt, die Haut so weich und so glatt unter seinen Fingern. Sie hatte ihn gelassen, den Oberkörper aus dem Fenster gelehnt, ihr Gesicht dem Fahrtwind zugewandt. Er glaubte, dass sie gelächelt hatte. Jetzt war er sich nicht mehr so sicher. Vielleicht hatte ihr Mund auch nur so ausgesehen, weil sie dieses Lied mitsang. Hatte sie das überhaupt gespürt, seine Berührung, so wie sie da war, ganz eingetaucht in den Fahrtwind und die Musik? Er schüttelte seine Hand, als könnte er jetzt noch ändern, wo sie gelegen hatte, als müsste er loswerden, was da passiert war.

Das Lied begann wieder von vorn. Jetzt würde er es verstehen. Er war sich ganz sicher. Er hatte es jetzt so oft gehört, und so schlecht war sein Englisch auch wieder nicht. Das musste doch zu verstehen sein, was das Mädchen da sang. Come here, spit it out, what is it exactly Ja, jetzt hatte er es. Your Pain, is the amount ... das bekam er wieder nicht mit, egal, vielleicht war das nicht so wichtig. Er konnte sich den Sinn auch zusammenreimen, wenn er genug verstand. Die nächsten Worte waren wieder klarer The way I’m drinking you down ... Er schlug mit der Hand aufs Lenkrad. Er wollte jetzt wissen, was diese kleine Fotze sang! Das konnte doch nicht so schwer sein! Step on the glas, staple the tounge hörte er sie singen. Aber das konnte doch nicht sein, was sollte das Ganze denn. What do you want from me? Why don’t you run from me. What are you wandering. What do you know Das hörte er jetzt wieder ganz deutlich. Und schon wurde der Gesang wieder unverständlich. Aber da waren sie jetzt, die Lichter der Stadt, hell und zittrig, noch immer ein Stück entfernt, aber so weit war es nicht mehr. Ein paar Serpentinen noch, dann war er unten. Er ließ das Fenster wieder herunter. Frische Luft. Das würde ihm jetzt guttun. Was war das nur, normalerweise war es doch kein Problem für ihn. Es klappte halt nicht immer. Vielleicht war es auch nicht das Mädel gewesen. Vielleicht war es auch dieses Lied, dass ihn so gepackt hatte. Er wurde das Gefühl nicht los, etwas nicht zu verstehen. So als stünde er mit dem Gesicht vor einer Felswand und konnte deshalb den Berg nicht sehen. Oder so ähnlich. Das hatte mal sein Yoga-Lehrer gesagt. Das Gequatsche nervte eigentlich. Aber dieser Satz steckte irgendwie fest in seinem Kopf. Hatte sich da eingenistet. „Weißt du, was dein Problem ist? Du stehst mit der Nase vor der Felswand und kannst den Berg nicht sehen.“ Hatte der Typ zu ihm gesagt. Mit diesem blöden Lächeln. Aber er war eben ein guter Trainer. Seine Muskeln waren noch nie so definiert gewesen. Und dieses Lied. Dieses Mädel. Die steckten ihm noch schlimmer im Hirn. Es musste doch irgendwie zu verstehen sein. Was diese Frau sang. Und vielleicht verstand er dann auch, was da passiert war. Mit der kleinen Studentin. Mit ihm.

Der Gedanke war so einfach, dass er sich fast geschämt hätte. Er musste ja einfach nur den Text googlen! Er musste es gar nicht selber heraushören! Immer und immer wieder dasselbe Genöle anhören, um endlich drauf zu kommen, was sie da sang. Er lachte auf. Wie bescheuert von ihm.

Er nahm das Handy in die Hand und tippte auf den Screen. Der blau-violette Hintergrund blendete ihn. Er schaute auf und für einen Wimpernschlag wunderte er sich, warum ihm die Lichter der Stadt plötzlich so nah waren und seltsam hoch in seinem Blickfeld. Das Auto hing mit allen vier Reifen in der Luft, dann landete es krachend auf der Straße, das automatische Fahrsicherheitssystem stabilisierte das schlingernde Auto, er fühlte es im Lenkrad, wie der Computer immer wieder eingriff. Es floppte und rumpelte, irgendwas musste mit den Reifen passiert sein. Dann stand das Auto. Der Motor war aus. Nur seine Hitze klickte noch unter dem Blech.

Er drückte die Tür einen Spalt breit auf, mehr schafften seine zitternden Finger nicht. Die Kotze plätscherte hastig auf den Asphalt. Im gleichen Moment setzte das Lied zu einer neuen Schleife an. „Billy“ sagte die raue Männerstimme wieder. „What do you want from me“ quäkte die verzerrte Frauenstimme.

Er drückte die Tür noch ein Stück auf und stieg mit schwankenden Schritten aus dem Auto. Er starrte in die Nacht hinaus, auf den von den Scheinwerfern erleuchteten Fetzen Straße und die Schwärze dahinter. Eine Angst überfiel ihn, dass das alles sein könnte, was es wirklich von der Welt gab, der Rest, das war nur ein wilder Traum und nun war er hier gefangen, auf einem Stück überhitzten Asphalt, bodenloses Nichts dahinter und für immer dieses Lied auf Repeat.

Hinter ihm bimmelte es und als er sich umdrehte sah er drei Schafe, oder waren es Ziegen?, die ihn anstarrten. Sie nickten mit ihren Köpfen, immer wieder im Wechsel, als wollten sie ihm etwas sagen.

Sie standen um einen seltsamen Stein herum, der vom Berg auf die Straße gefallen sein musste. Vermutlich war er es gewesen, der ihn so aus der Bahn geworfen hatte.

Er ging ein paar Schritte näher zu den Tieren, große wollige Wesen mit kahlen Köpfen und langen hängenden Ohren.

Der Stein stöhnte. Und dann sah er auch das Blut, dass sich schimmernd auf der Straße ausgebreitet hatte, wie das Öl aus einem leckgeschlagenen Motor.

Er wollte schreien, sich die Hände vors Gesicht schlagen, hinrennen. Wegrennen. Aber er stand ganz still und die Erkenntnis sickerte von seinem Gehirn in alle Zellen seines Körpers, verteilte sich durch die Nervenbahnen, überzog seine Haut mit einem schmerzhaften Kribbeln. Er hatte jemanden überfahren. Die Polizei. Krankenwagen. Er sehnte sich danach, dass jemand kam und hier aufräumte, den blutenden Körper in saubere Tücher hüllte und mit einem hoffnungsvollen Lalülala und Blaulicht ins Krankenhaus fuhr, wo in einer schwierigen, aber erfolgreichen Operation alles wieder zurechtgerückt würde, was kaputtgegangen war. Ihm würde jemand eine dieser goldig glänzenden Decken umhängen und ihm mitfühlend einen Becher Kaffee reichen.

„Der muss ja vollkommen aus dem Nichts gekommen sein“ würden sie sagen. Oder was man in der Sprache hier halt sagte und er würde nicken und sie ihre Arbeit machen lassen.

Aber dann fiel ihm der Wodka ein, den er im Flugzeug getrunken hatte. Und in der Bar vor dem Abflug. Und an die Flasche Grey Goose, die er noch im Duty Free gekauft hatte.

„Hallo?“ sagte er und ging noch ein paar Schritte näher, vorn über gebeugt, die Füße sachte aufsetzend, so wie man sich einem scheuen Tier nähern würde. Ein leises Gurgeln war die Antwort. Er sank auf die Knie und kroch weiter auf allen Vieren vorwärts, dann vorsichtig um das Blut herum, bis er beim Kopf angekommen war.

Es war ein Mann, nicht mehr jung, aber auch nicht richtig alt. Er trug eine filzige Weste, in der noch Strohreste hingen und eine fleckige Jeans. An den Füßen fehlte einer der Turnschuhe. Er schaute ihn an, aus seltsam blauen Augen. Das Gesicht war von einem stoppeligen Bart überzogen. Aus dem Ohr, der Nase, dem Mund sickerte Blut. Jeder Atemzug von dem Mann erzeugte ein unangenehmes Geräusch, matschig und knackend.

Er dachte an das Handy in seiner Tasche, an Krankenwagen und Hubschrauber, an Klinikbetten mit gestärkten weißen Laken. Er dachte an den Wodka.

„Wo bist du nur hergekommen?“ Sagte er. Und legte dem Mann die Hand auf die Schulter, als hätte er ihm gerade ausversehen in einer Bar auf den Fuß getreten. Und so fühlte es sich auch an. Er hatte doch nichts getan, nur versucht, dieses verdammte Lied zu verstehen. Dieses verdammte Drecks-Lied. „What do you want from me?“

Ein Nachtfalter setzte sich auf den blutigen Mundwinkel und stocherte mit seinem Rüssel in dem feuchten Blut herum. Er versuchte ihn wegzuscheuchen. Dann packte er ihn bei den Flügeln und schmiss ihn in die Dunkelheit. Für einen Moment schaute er ihm nach. Ob er wiederkommen würde. Er stellte sich vor, wie eine Wolke von Nachtfaltern über den Körper neben ihn herabsank und ihn ganz und gar verhüllte.

Als er wieder hinschaute, blickten die Augen anders. Sie suchten nicht mehr. Es war, als hätte jemand die Linse zerknickt und das Zucken des Augapfels ausgeknipst. Als er sich über den Körper beugte, roch er den Alkohol. Alt und neu. Im verdorrten Gras glitzerte eine Schnapsflasche.

„Du hast hier auf der Straße gelegen, du alter Säufer“ flüsterte er und lachte tonlos. Er hätte vermutlich gar nichts machen können. Aber was half das. Hier lag jetzt eine Leiche.

Er hatte natürlich schon gehört, dass tote Körper schwer zu tragen sind. Aber dass es fast unmöglich war, das hatte er nicht gewusst.

Die Schafe waren noch immer da, sie hatten sich ein paar Meter ins Gebüsch zurückgezogen. Hin und wieder bimmelte eines ihrer Glöckchen und er konnte das Schimmern eines Augapfels erkennen.

„Ihr könnt mir ruhig mal ein bisschen helfen“ sagte er und überlegte, ob das nicht vielleicht eine witzige Filmszene wäre. In Breaking Bad oder etwas Ähnlichem. Der unabsichtliche Mörder verfolgt von Schafen, mit denen er sich unterhält.

Mit dem Seil ging es. Er hatte das Abschleppseil aus dem Kofferraum um die Füße gebunden und nun zog er den Körper hinter sich her. Er wusste, er musste sich beeilen. Denn wer wusste schon, wann der nächste hier die Straße entlangfuhr.

Die dornigen Büsche verfingen sich immer wieder in den Kleidern der Schäfers, aber er riss einfach so lange, bis es weiterging. Das Lied war nun der Rhythmus seiner Arbeit geworden. Say it, spit it out, what is it exactly. Die Worte machten drei Schritte, dann begann die Zeile von vorn. Say it, spit it out, what is it exactly. Drei Schritte mehr. Und wieder von vorn.

Der Himmel schien dunkelgrau zu werden, aber vielleicht bildete er sich das auch ein. Er hatte das Gefühl für die Zeit verloren. Und er wollte es auch nicht mehr wissen. Er wollte dieses Ding so weit wegbringen, wie es ging.

Er kam nicht weit. Wenige Meter nach der Böschung knickten seine Beine unter ihm ein. Schweiß rann seine Schläfen hinab, hatte sein Haar durchnässt, tropfte ihm in den offenen Hemdkragen, rann seinen Brustkorb hinab, den Bauch mit seinen Muskeln, von denen er gedacht hatte, dass sie ihm mehr nützen würden.

Als er sich umschaute, hatte er das Gefühl, das Auto berühren zu können. Er hätte nur die Hand ausstrecken müssen. Er ließ sich in den Staub sinken.

Why aren’t you scared of me

Why do you care for me

When we all fall asleep

Where do we go

Hörte er die Frau singen und er konnte gar nicht glauben, dass er es tatsächlich nicht verstanden hatte, was sie da sang.

Er hatte es so klar vor sich gesehen. Den Körper den Hang ein Stück hinunterziehen, beerdigen und viele Steine auf die Erde, damit kein wildes Tier ihn ausgraben konnte. Das Blut auf der Straße wegspülen, wenn er nicht genug Wasser hatte, den Rest mit dem Staub aus dem Straßengraben bedecken. Dann in die Stadt fahren zu der alten Tankstelle am anderen Ende und nachschauen, was am Auto kaputt war.

Es war ihm so klar gewesen, was zu tun war.

Er blickte auf und sah, dass der Himmel begann sich grau zu färben. Die Vögel begannen ihr Morgenlied.

My limbs are frozen and my eyes won’t close

Er streckte die Beine aus und stützte seinen schwer gewordenen Körper auf die Arme. Er wollte gern weinen, aber es passierte einfach nicht. Der Körper neben ihm war noch warm, das konnte er fühlen. Aber die Schafe waren verschwunden. Nur ganz in der Ferne schien es ihm, läuteten die Glöckchen manchmal.

Er wusste, früher oder später würde jemand die Straße entlangkommen. Nun, wo es hell wurde. Und er würde hier sitzen, neben einer Leiche, der er sein Abschleppseil um die Knöchel gebunden hatte. Er sah es vor sich, wie sie ihn finden würden. Das Lachen schoss aus ihm heraus wie aus einem geplatzten Rohr.

Er würde hier sitzen, voller Staub und Schweiß, das Blaulicht würde sich im trocknenden Blut spiegeln und sie würden ihn fragen: Was machen sie denn hier? Que Passa? Irgend so etwas.

Und was würde er sagen? Würde er von ihr erzählen? Denn natürlich, was würde das schon bedeuten, was hatte sie damit zu tun. Aber wie war es ohne sie zu erklären. Es machte ja alles überhaupt keinen Sinn, ohne von ihr zu sprechen. Aber vielleicht war es genau das, schoss es ihm durch den Kopf. Menschen tranken. Menschen lagen auf Straßen und wurden überfahren. Männer trafen Frauen auf Parties und verstanden nicht. Vielleicht gab es nicht mehr Sinn als das.

Die Sonne kroch langsam über den Horizont. Ein kleines Stück der Scheibe leuchtete über die ausgedörrte Ebene vor ihm. Er hatte es ja eigentlich geschafft. Die Berge waren schon hinter ihm gewesen. Langsam legte er sich ganz auf den Boden, so war die Sonne für ein paar Minuten noch nicht zu sehen. So dauerte die Nacht noch einen Moment. Auch wenn die Vögel schon sangen, für ihn dauerte sie nun noch ein wenig länger.

Er schloss seine Augen und stellte sich vor, seinen Kopf in ihren runden Schoß zu legen, ihr Kleid duftend nach Schweiß und Rauch und allem, was eine Nacht in sich trägt, aber keine Namen hat.


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Alle Texte und Bilder auf dieser Seite sind von Sarah Raich, Ausnahmen werden benannt.