Die Stimmen der Bücher

Reinhausen, Anno 941

 

„Was sagt das Wasser, wenn es ...“ sie überlegte einen Moment und durchstieß mit ihrem Finger die glitzernde Oberfläche des Baches. Sie betrachtete ihn, ein kleines Würmchen, das unter der zittrigen Haut des Wassers in Splitter zu zerfallen schien, die sich im letzten Moment noch aneinander festhielten. Sie streckte ihren Arm aus, bis sie mit dem Finger einen Steinbrocken berührte, über den das Wasser hinab in die kleine Mulde vor ihr floss. Das Wasser umschloss ihren Finger, sein Ton änderte sich. Was machte es da denn, das Wasser? War salzæn, ein springen, das eigentlich zum Tanzen gehörte, das richtige Wort? Oder war es eher ein skrikken, ein dahinschießendes springen, in dem auch das Blitzende, Glitzrige zum Ausdruck kam. Oder sollte sie lieber hopfezzen benutzen, so wie Irmentraud es immer zu ihr sagte, wenn sie hüpfte und sprang, weil der Vater heimkam? Das Wasser, Es klang genauso, wie sie sich dann fühlte. Voller glitzernder, spritziger Freude.

Sie sammelte einen Kiesel vom Grund, weiß, durchzogen von grauen Linien, wie ein umgekehrter Blitz. Sie legte ihre Wange aufs Knie und lauschte noch einmal. Obwohl, nein, da war auch etwas Trauriges im Klang des Wassers, etwas Uraltes, Müdes, das schon alles gesehen und gehört hatte und das durch die Fröhlichkeit hindurchschien, wie die Kerze, die des nachts den Vorhang ihres Bettes durchschimmerte, wenn die Kinderfrau nach ihr und den Geschwistern schaute.

„Du meinst, es plätschert?“ Sie hörte Irmentraud atmen, schwer und rau, während sie gebückt die Brunnenkresse für das Abendessen pflückte. Die Stile brachen mit einem leisen schmatzen. Sie legte sie in ihren Korb, neben die Steinpilze, die sie unter den Eichenbäumen gesammelt hatte.

„Nein!“ Sie schlug ihre kleine Faust so fest sie konnte auf die feuchte Erde. „Ich meine, was es sagt!“ Sie spürte die Wut bis in die Wurzeln ihrer Haare. Warum verstand Irmentraud sie denn nie? Es war doch nicht so schwer zu verstehen! Sie musste nur hinhören! dieses helle Klingeln und Glucksen, das war doch nicht ein einfaches Geräusch, das war ein ganzes Singen, eine endlose Geschichte mit hunderten Stimmen, die sich ineinander verschlangen, miteinander rangen, so dass es ihr ganz schwindelig wurde, wenn sie zu genau lauschte, sich zu sehr hineinsenkte in diese Sprache, die sie nie so ganz verstand.

„Ach Itilin“ mit einem Ächzen streckte sich Irmentraud. Ihr Rücken schmerzte sie oft, vor allem, wenn sie lange gebückt arbeitete und das tat sie die meiste Zeit. Im Garten des Burghofes, beim Waschen der Wäsche dort drüben am großen Waschfelsen, oder wenn sie in den Wäldern sammelte, was im Garten nicht wuchs. Sie hatte sich an das Ziehen und Drücken in ihrem Körper gewöhnt, sie kannte ihn eigentlich nicht ohne, und schließlich war sie schon so viele Jahre da, konnte sich an fast drei Dutzend Weihnachtsfeste erinnern, da sollten die Knochen wohl schmerzen.

Sie ließ ihren schweren Körper neben dem kleinen dünnen Mädchen ins Gras sinken. Sie schaute ihr in die grünen Augen, dazwischen die aufgeworfene Nase voller Sommersprossen. „Itilin, Itilin, was du dir nur immer denkst.“ Sie tätschelte die Hand, die unter dem grau der getrockneten Erde so blass war, wie der Bauch einer Bachforelle. „Rede lieber nicht so wildes Zeug, sonst holt dich noch der Wazzarman!“ Energisch schüttelte das Mädchen ihren Kopf und lachte. „Irmentraud, jetzt sei nicht dumm! Der Wazzarman, der lebt doch da hinten, im See!“ Sie stutzte. Das Wort hallte auf einmal in ihrem Kopf hin und her, Seo, der See, so sehr sie es ziehen lassen wollte, sie blieb einfach daran hängen. Daran hatte sie noch nie gedacht. Das Wort drehte sich, veränderte sich, ja, noch mehr war es im Wort seolih, am See gelegen. Seolih, das klang ganz ähnlich wie Sela, die Seele. Und waren sie sich nicht auch ganz ähnlich? Der See und die Seele? Eine dünne Haut, die spiegelte, was der Tag ihr hinhielt, aber darunter war eine ganze Welt in der Düsternis, in der die Gedanken blitzten wie silberne Fischchen.

Irmentrauds Brummen riss sie aus ihren Gedanken. „Sei du lieber nicht dumm, Itilin! Willst mit dem Wasser plaudern! Am Ende hörst du nur den Nihhus zu, die dich mit ihren kalten Fingern hinabziehen in ihr kaltes Reich und dann ist es um dich geschehen, dann musst du auch für immer als Wassergeist in der Dunkelheit klagend deine Kreise ziehen, immer nur auf Böses aus!“ Grob packte sie das Mädchen am Arm. Nun war sie schon sieben Jahre alt und hatte den Kopf immer noch voller Unfug. Nie wollte sie hören, immer musste sie sich in solche Wirrheiten vergraben. Sie schlug schnell ein Kreuz vor ihrer Stirn. Sprechendes Wasser! Das war doch der Widarwarto, der leibhaftige Teufel, dahinter! Was hatte der Allmächtige, ihrem Burgherrn nur für ein Kind geschickt, mit einer Seele wie ein Dornengestrüpp. Sie schaute über ihre Schulter zu dem Kind, dass sich mitziehen ließ. Eigentlich ein Mädchen, das leidlich anzusehen war, ihr Mann würde sicher recht zufrieden sein. Jedenfalls mit dem Äußeren. Bei dem Rest, ja, dieser Rest machte Irmentraud große Sorgen. Diese Augen, wie sie starrten, wie sie bohrten. Als habe sie dahinter das Wüten der ganzen Welt verborgen und wartete nur darauf, es auf die Menschheit loszulassen. Irmentraud lief ein Schauer über den Rücken, schnell blickte sie zurück auf den Weg. Wenn sie dieses Kind nur nicht so sehr liebte, ohne zu wissen warum.

In dem Moment, als der Burgherr ihr das Bündel in die Arme gelegt hatte, hatte sich ihr Herz zusammengezogen, um sich gleich darauf in einem riesigen Sprung auszubreiten, in ihrem ganzen Körper Wärme zu versprühen, bis in die Finger und Zehen hinein hatte sie es gefühlt. Und dass, obwohl sie gerade selbst ein Kind begraben hatte, einen Jungen, den sie nur ein paar Wochen hatte bei sich haben dürfen, ein schwächliches Kerlchen, viel zu klein und dünn. Paulin, hatte sie ihn genannt. Ihren kleinen, zarten Paulin. Jeden Tag hatte sie seine Finger gezählt, hatte sich seine Gesichtszüge einzuprägen versucht. Die ernsten, dunklen Augen, die schon so viel gesehen zu haben schienen, der kleine zarte Mund, den er beim Schlafen so spitzte, als wolle er gleich lospfeifen. Sie hatte es gewusst, dass sie ihn nicht würde halten können, von der ersten Sekunde hatte sie es gewusst. Und doch hatte sie gedacht, sie müsse mit ihm sterben, als es vorbei war mit ihm. Drei Tage hatte sie nur geweint, hatte sich ihr Haar ausgerissen und wenn sie gekonnt hätte, auch ihre Brüste voller Schmerz und Milch, die keiner wollte. Und dann war Itlin gekommen, ihre kleine Itlin. Die Trauer war nicht verschwunden, sie weinte noch wochenlang um ihren Paulin. Aber mit Itlin stand etwas neben dieser ganzen Traurigkeit, Itlin sprühte vor Leben, vor Willen, und sie, Irmentraud, musste dieses Kind lieben, sie hätte sich nicht wehren können, selbst wenn sie es gewollt hätte.

Am Anfang war sie sich sicher gewesen, der Himmel hatte ihr dieses Kind geschickt. Auch wenn es nicht ihres sein konnte, auch wenn sie irgendwann aus der Burg wieder zurück ins Gesindehaus ziehen musste und Itlin dort blieb, mit der feinen Kinderfrau.

Aber je älter Itlin wurde, desto mehr Zweifel schlichen sich in Irmentrauds Gedanken. Dieser Willen. Diese Gedanken, die das Kind hatte. Redendes Wasser! Warum scheute sie sich vor rein gar nichts? Vielleicht war ihre Mutter doch eine Zauberin gewesen, so wie die Leute im Dorf es sagten. „Herrgott, schütze unsere Seelen!“ murmelte Irmingard und zog das Mädchen zum Erdwall, hinter dem die Burg der Grafen zu Reinhausen lag.

 

 

Sie sah es gleich, noch bevor sie das Tor durchschritten hatten. Die Pferde im Hof, das geschäftige hin und her der Stallknechte, die Frauen mit Wasserkrügen und Körben voller Äpfel und Brot, um die Weitgereisten zu stärken. Das konnte nur eines bedeuten. Vater war zurück.

Sie riss sich Irmentrauds Finger vom Arm und lief durch das Tor aus schweren Balken, hinein in das Durcheinander im Hof. „Vater! Vater!“ rief sie. „Hier bin ich! Hier!“ Der aufgewühlte Matsch zog schwer an ihren nackten Füßen. Sie keuchte und schaute herum. Wo war er bloß?

DA! Dort stand er. Oben auf der Balustrade. Und neben ihm Notburgis. Ihre Schritte wurden langsamer. Sie hielt sich die Hand über die Augen, um besser sehen zu können. Seine blonden Locken glänzten feucht, auch die rote Tunika war dunkel von Schweiß. Aber er stand aufrecht und stark auf beiden Beinen, seine Arme ruhten auf Notburgis Schultern. Er war heil und ganz zu ihnen zurückgekehrt. Sie hüpfte die hölzernen Stufen hinauf. „Vater!“ rief sie noch einmal und er schaute zu ihr. Er hob sie hoch, so hoch er konnte, dann ließ er sie ein Stück fallen, nur ein kleines bisschen, um sie gleich wieder aufzufangen. „Itilin! Meine Itilin! Wie schwer du geworden bist! Und so sehr gewachsen!“ Sie lachten beide über diesen Spaß, der ihr nie fade wurde.

„Gewachsen schon“ Notburgis Stimme schnitt in ihr Gelächter. „Aber töricht ist sie leider nach wie vor. Ungehörig sowieso.“ Sie sagte ubilo, in dem der Teufel mitschwang, das Gottlose. Nicht das sanftere ungirÆsanti, das doch auch sagte, dass es unpassend war, wie sie sich verhielt. Ubilo, tief bohrte sich das Wort in sie hinein. Ubilo, ubilo, ubilo schienen die Spatzen zu tschilpen, die ihm Hof umherhüpften. Ubilo, Ubilo, Ubilo, schienen die Pferde zu schnauben. Ihr war, als ob alle Augen sich auf sie richteten und auf ihren Vater. Als ob alle erwarteten, dass er sie nur angemessen bestrafte. Langsam ließ ihr Vater sie herabsinken, er beugte sich und sah ihr in die Augen, die dasselbe Grün wie ihre hatten. „Itilin, was höre ich da? Ich hatte doch gesagt, du sollst Notburgis keine Sorgen machen?“ Sie sah, wie das Lächeln aus seinen Zügen floss, aus dem Mund, den Augen und alles ernst wurde an ihm, wie Stein.

Ja, das hatte er gesagt, und sie hatte es auch wirklich vorgehabt. Hatte jeden Morgen geholfen, das Gesinde zu wecken und die Aufgaben des Tages zu verteilen, hatte ihren kleinen Geschwistern beim Frühessen geholfen. Sie hatte ihre Webarbeit gemacht, so ordentlich, wie sie konnte. Sie hatte den Faden immer wieder geduldig entknotet, auch wenn sie ihn am liebsten entzweigerissen hätte und das ganze Ding in die Ecke geschmissen hätte. Sie hatte den Kleinen zum Einschlafen Geschichten erzählt. Allermeistens gottesfürchtige Legenden von den Märtyrern und nur ganz selten die Geschichten, die Irmentraud ihr erzählte, wenn sie gemeinsam draußen waren, vor dem Burgwall. Die Geschichten über die Waldgeister, die zwischen den Bäumen lauerten und den grausamen Drachen, der in den fernen Bergen hauste, wild und tödlich, und nur von einem Menschen mit reinem Herzen und einer gottesfürchtigen Seele bezwungen werden konnte. Nur der Gedanke an dieses Untier ließ sie schauern. Und doch. Sie würde es gern einmal mit eigenen Augen sehen. Sein ganzer Körper war bedeckt von Schuppen aus reinem Gold, undurchdringlich für alle Lanzen, hatte Irmentraud gesagt, hoch wie drei Häuser und noch höher war er und sein Atem heißes Feuer, so heiß wie die Hölle selbst. Wie gern sie einmal das Zittern der Erde unter seinen gewaltigen Füßen spüren würde.

„Sie ist dem Priester in die Predigt gefallen, kannst du dir das vorstellen, Allo!“ Notburgis Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Wir waren in der Anbetung versunken – und deine Tochter ruft wirres Zeug! Kannst du dir das vorstellen? Wie eine Heidin, eine Götzenabeterin!“ Notburgis bekreuzigte sich und murmelte etwas. Wie ihre Mutter. Das sagte sie nicht laut. Aber das Mädchen wusste es trotzdem genau. ‚Du bist wie deine Mutter, diese gottlose Zauberin.’ Sie wusste genau, was Notburgis dachte. „Ich habe ihr natürlich den Gürtel gegeben.“ schloss sie ihre Rede.

„Hrotsvit? Was hast du dazu zu sagen?“ Sie spürte die Hand ihres Vaters an ihrem Kinn. Sein Griff war hart. Gott lästern. Sie wusste es. Das war ein Verbrechen am Hof ihres Vaters. Das schlimmste, das es gab. Vieles verzieh er. Aber das nicht. Im letzten Winter hatte er drei Zauberweibern, die die alten Götter beschworen hatten, die Zungen herausgeschnitten. Kein Wehklagen hatte ihn erweichen können. Mit der Zange des Schmieds hatte er die Zungen gepackt, eine nach dem anderen und mit seinem Jagdmesser herausgeschnitten. Sie zuckten blaurot und glänzend im blutigen Stroh. „Wenn eure Götzen Euch so gern singen hören, dann werden sie schon wieder nachwachsen!“ hatte er gerufen und die drei Frauen blutend und nackt in den Schnee hinausgejagt. Hrotsvit dachte an ihre grauen Haare, die im Wind geflattert hatten wie Vogelschwingen.

„Hast du Gott gelästert!“ Sein Gesicht war fahl, die Oberlippe gespannt.

„Das war kein wirres Zeug!“ Tränen. Sie spürte sie warm auf ihrer Wange. Diese dumme Frau! Natürlich hatte sie kein Wort verstanden! Sie konnte ja kaum Latein, nur ein paar Gebete nachplappern, sonst nichts. „Der Priester hat Unsinn geredet! Das ganze Latein war...“ sie wusste nicht, wie sie es sagen sollte. „auf dem Kopf!“ rief sie schließlich. „Die Kasus alle falsch! Manchmal hat er nur gemurmelt und gemurmelt und gar kein richtiges Wort gesagt!“ Die Augen ihres Vaters waren wie versteinert, seine Hand hielt noch immer ihr Kinn, so dass es schmerzte. Wie konnte er sie so allein lassen! Wie oft redete er davon, dass Worte wichtig waren, dass sie kostbar waren und es sie auszuwählen galt, wie Juwelen zwischen den schnöden Kieseln aus einem Bachbett. Wie er vor ihr geschwärmt hatte, von den Meistern der Rede, die den Glauben erst in die Herzen der Menschen brachten! Dass sie lernen sollte, Sprache zu beherrschen und sich nicht dem Geschwätz hinzugeben, wie ein Blatt dem Wind. „Qualis autem homo ipse esset, talem esse eius orationem! “ Sie schrie die Worte fast. „Qualis autem homo ipse esset, talem esse eius orationem!“ Sie schrie noch einmal. Noch lauter. Alle sollten es hören!

„Da! Sie tut es schon wieder!“ rief Notburgis. „Du musst sie bestrafen!“ Aber sie sah, dass ihr Vater lächelte. Nicht im ganzen Gesicht. Aber seine Augen lächelten. „Ja, an der Rede erkennt man den Menschen.“ Sagte er. „Da hast du Recht, mein Kind.“

 

 

Zuerst war es eine undurchdringliche Schwärze gewesen, aber nach und nach vergaßen ihre Augen das helle Licht der Fackeln in der Halle und begnügten sich mit dem Licht der Sterne, das durch die Fensteröffnung fiel. Sie ließ ihre Finger über die roh behauenen Felsblöcke der Mauer fahren, sie konnte die Spuren des Meißels spüren, fast als zitterte der Stein noch unter den Schlägen des Metalls. Sie schob sich die Reste des Strohs an der Wand zusammen, bis sie darauf steigen und hinausschauen konnte, in das Licht der Nacht. Sie spürte, wie die Tränen sich wieder hervorkämpften, aber sie schluckte sie herunter. Nein, sie war nicht Schuld, sie wollte nicht Schuld sein. Tränen verrieten den Schuldigen.

Die Liste ihrer Verfehlung war noch länger gewesen. Nicht nur hatte sie den Priester unterbrochen, sie hatte einige von Notburgis Anweisungen an das Gesinde vergessen, sie hatte von der Mittagssuppe zu viel ausgeteilt, so dass Notburgis für die letzten Esser kostbaren Käse und wertvolle Wurst aus der Kammer hatte holen müssen. Und sie hatte in ihr Webstück ein Schwein mit Hasenohren gearbeitet, nur ein ganz kleines, und dann noch eine Ziege, die mit den Beinen ausschlug. Sie hatte ihre Brüder aufheitern wollen, die Tage waren kalt und regnerisch in diesem Frühjahr, das nicht so recht kommen wollte. Sie hatten gemeinsam gekichert und dann Bockspringen gespielt. Notburgis hatte die Tiere erst entdeckt, als der Stoff fertig gewebt war. Sie war außer sich vor Wut gewesen und hatte erst von ihr abgelassen, als der Maßstab auf ihrem gebeugten Rücken zerbrochen war. Natürlich hatte sie dem Vater gezeigt, was seine missratene Tochter aus der kostbaren Wolle gemacht hatte. Ein Schwein! Eine Ziege! Dafür saß sie nun hier im leeren Pferdestall, ganz allein. Die Tiere waren auf der Weide.

„Ich werde Dir helfen, deine Gedanken zu ordnen und Buße zu tun, für das, was du getan hast.“ Geschlagen hatte er sie nicht. „Gott ist mit dir, mein Kind. Finde Deine Schuld und er wird dir vergeben“, hatte er ihr gesagt und ihr das Haar geküsst, bevor er sie sanft aber bestimmt in das Dunkel geschoben und die Tür hinter ihr geschlossen hatte.

 

Ihre nackten Füße scharrten über die festgetretene Erde des Bodens. Auf ihrem Schoß lag ihr gewebtes Stück Stoff, gemeinsam mit einer Nadel und drei Knäuel Faden, eines ein rötliches Braun, eines ein graues Grün und dann das sahnige Weiß, das manche der Schafe hatten, und das dunkle braun, der anderen. Hier waren die Farben kaum zu unterscheiden, nur der helle Faden in ihren Händen verriet sich durch ein blasses Leuchten. Im Dunkel betastete sie den Stoff, er war so lang, dass ihre Arme nicht ausreichten, ihn zu spannen. Wenn sie seine Ränder bestickt hatte, dann würde sie den Stall verlassen können. „Damit du das Schandmal auslöschst, das dein widerborstiger Geist geschaffen hat“ hatte Notburgis gesagt und ihr Stoff und Wolle gereicht. Das kleine Schwein mit den Hasenohren und die Ziege, sie sollten verschwinden, als hätte es sie nie gegeben.

Sie hätte leichter haben können. Sie hätte sich entschuldigen können, um Verständnis betteln und weinen, damit ihr Körper zeigte, dass sie schuldig war und bereute. Bestimmt wäre ihr Vater dann gnädiger gewesen. Er mochte es, wenn Sünder ihre Reue beteuerten. Vielleicht hätte sie den Stoff dann in der Halle besticken können, oder sich von ihrer Schuld mit einigen Gebetsstunden in der Burgkapelle befreien können. Sie hatte die Worte dazu schon geformt in ihrem Kopf. Hatte überlegt, welche Worte ihr Schicksal am sichersten mildern könnten. Und dann hatte sie Notburgis gesehen, mit ihrem Stoff in der Hand, so gefaltet, dass die Stelle mit den kleinen Wesen hervorstach und jeder sie sehen konnte, eckig und ungelenk, eigentlich kaum Tiere, eine krumme Ansammlung von Linien. Notburgis, ihre Lippen verzogen zu einem schmalen Lächeln, saß auf der Lehne von Vaters Stuhl, sein Arm ruhte auf ihrem Rücken. Und dort lag er, während Notburgis jede ihrer Missetaten aufzählte, jede Verfehlung beschrieb wie die Missetaten einer Besessenen. Und mit jedem Moment der verstrich, mit jedem Satz den ihre Stiefmutter sprach, verwelkten die Worte in ihr, die sie eigentlich hatte sagen wollen, um sich zu verteidigen, bis sie nur noch einen Staub in ihrer Brust fühlte, grau und schwer, aus dem sich gar nichts formen lies, schon gar keine Bitte um Vergebung.

 

Sie versuchte mit ihrem Blick das Licht der Sterne zu fassen, doch sie blitzten und funkelten, beinahe als sprängen sie. Sie wollte den Mund öffnen, jetzt, wo es nur der Himmel hören konnte und alles herausklagen, die Ungerechtigkeit beschreien, ihre Einsamkeit, die immer bei ihr war, dem mutterlosen Kind, das bei seiner Geburt der eigenen Mutter das Leben genommen hatte. Sie zitterte, aber kein Wort wollte über ihre Lippen, alles schien ihr zu groß, zu schwer, zu leer und zu voll zugleich, als dass sie es aussprechen könnte.

Ihre Hände glitten fahrig über den Staub auf dem Boden, seine winzigen Körner kitzelten ihre Haut. Hin und her glitten ihre Finger, ihre Arme schwangen um ihren Körper bis sich ihr Atem Zug um Zug beruhigte und ihre Finger begannen, Bögen zu formen, Linien, gerade, schräggestellte, sie mit einem leichten Wedeln wieder verschwinden ließen und neue Linien zog. Die Sterne verschwanden schon im fahlen Grau des Morgenhimmels, als sie ihren Kopf in das Stroh sinken ließ und ihre Augen schloss, die Fingerspitzen taub und rissig von der Arbeit der Nacht. Noch drei Worte waren im Staub zurückgeblieben. CLAMO VERBUM SCRIPTUM, ich rufe geschriebenes Wort.

 

 

 

Zum Melken der Ziegen nahm sie ein Holzschälchen mit, eines mit einem Hohen Rand, damit sie die Milch nicht später verschüttete. Ihr Rücken, ihre Finger, ihre Arme, ihr Hintern, ihr Nacken, ihr ganzer Körper schmerzte noch vom Heumachen gestern. Sie hatte mithelfen müssen, zu ihrer übrigen Arbeit, damit der Regen, der jetzt noch immer in dicken Tropfen auf die Burg und das Land niederprasselte, nicht das kostbare Heu zerstörte. Wie sollten sie sonst das Vieh durch den Winter bringen? So viel Laub und Eicheln konnten sie ja gar nicht sammeln.

Irmentraud stöhnte auf. Ein tiefes Ziehen schoss ihre Arme hinauf, als sie die Hände fester um Dedis Zitzen schloss. Die ersten Bewegungen beim Melken brannten sich wie Feuer durch ihren Oberkörper, dann wurde es besser. Dedi meckerte leise. Sie wusste, Irmentraud würde ihr etwas Futter zustecken, nachdem sie ihre Milch abgegeben hatte.

Sie legte ihre Wange an den warmen Leib des Tieres, roch seinen würzigen Geruch und lauschte auf die Geräusche unter dem borstigen Fell. Sie mochte die Ziegen und ihre Gesellschaft. Sie konnten übellaunig sein, ja, und gierig. Aber sie verstellten sich nie. Der Burgherr hatte ihr verboten, den Tieren Namen zu geben, aber sie tat es trotzdem. Natürlich keine Heiligennamen, es waren eigene Worte, die aus den liebevoll hingegurrten Silben entstanden, wenn sie die Ziegen zur Begrüßung zwischen den Hörnern kraulte. Graf Allo fand sich sowieso nie im Ziegenstall ein, da war es ja einerlei, wie sie mit den Zicken redete.

Die letzten Tropfen vielen zögerlich von den rosigen Zitzen. Irmentraud stemmte sich vom Boden hoch und griff in ihre Kitteltasche. „Siehst du, Dedi, da hast du was Gutes.“ Sie steckte dem Tier einen Rübenstrunk hin, noch mit dem ganzen Laub. Mit einem Nicken riss Dedi ihr das Stück aus den Händen und würdigte sie keines Blickes mehr. Irmentraud schmunzelte, dann tauchte sie die Holzschale schnell in den Eimer voll frisch gemolkener Milch und verbarg sie vorsichtig in ihrem langen Ärmel. Dafür musste sie ihre Hände formen, wie eine gespannte Vogelkralle. Wieder zuckten Schmerzen durch ihre rechte Körperhälfte, aber sie schaffte es, das Gefäß ruhig zu halten.

„Bist du fertig?“ hörte sie da schon die Stimme von Notburgis hinter sich. Sie betrat niemals die Ställe, nahm aber die Milch für das Frühessen immer persönlich entgegen. Sie war zu kostbar, als dass sie jemandem von dem Gesinde damit getraut hätte. Es war ja schwer zu sagen, wo sich wer mal einen Schluck stahl, pflegte sie immer zu sagen. „Ja“ sagte Irmentraud. Sie wusste, Notburgis wollte so wenig wie möglich von ihr hören. Also sparte sie sich den Atem für anderes auf. Sie reichte den schweren Eimer an die schmale Frau mit dem ernsten Gesicht. Wie jedes Mal, wenn sie sich so nahe kamen, zuckten gleichzeitig Mitleid und Hass durch ihre Gedanken. Sie konnte sich noch erinnern, wie Notburgis auf der Burg angekommen war. Ein Kind fast noch. Wie verloren sie gewirkt hatte, an der Seite eines Mannes, der kaum bei Verstand war, so sehr trauerte er um seine erste Frau. Aber es galt einen Hofstand zu versorgen, einen Namen zu erhalten, Söhne zu zeugen. Und ein mutterloses Kind aufzuziehen. Irmentraud hatte zugeschaut, wie aus dem jungen Mädchen in wenigen Jahren eine strenge Herrin geworden war. Und wenn man das Wohlergehen aller bedachte, vermutlich auch eine gute. Bisher hatte unter Notburgis Hand keiner Hunger leiden müssen. Jeden Winter hatte sie gemeistert, ohne Menschen zu verlieren. Sie war sogar eine recht begabte Heilerin. Als vor zwei Jahren ein schweres Fieber in der Burg um sich griff, ruhte Notburgis kaum eine Stunde, bis alle Kranken vom Schlimmsten bewahrt waren. Sie kannte die Kräuter und die Gebete, die es brauchte und hatte sie nicht nur für die Menschen in der Burg verwendet, sondern auch für jeden des Gesindes, der es brauchte. Und trotzdem. Irmentraud hasste ihre Herrin.

„Bring das dem“ Notburgis machte eine Pause und sagte schließlich „Kind“ und drückte ihr ein Stück Brot in die Hand. Irmentraud ging mit einem kaum merklichen Nicken in Richtung des Pferdestalls.

 

„Schau mal“ sie schob dem Mädchen die Milch hin. „Noch warm, min Kind.“ Langsam erhob sich ihr kleiner Körper zwischen den Strohhalmen. Blass sieht sie aus, die Augen dunkel vor Zorn und Bockigkeit. „Ach, Itlin, min Itlin“ murmelte Irmentraud und schloss das knochige Wesen in ihre Arme. Sie beginnt ihren alten Körper hin und her zu neigen, ihre vierzig Jahre oder mehr legt sie in diese Umarmung, all die Gedanken, alles, was sie gesehen und erlebt hat, will sie diesem Kind geben, in diesen kleinen Menschen hineinschaukeln, damit sie es weiß und nicht auch daran leiden muss. „Itlin, mach es dir doch nicht so schwer.“ Und da fängt der Rücken in ihren Armen an zu zittern, zu beben und endlich spürt Irmentraud, wie die Tränen des Kindes über ihre Hände rinnen.

 

 

„Weißt du noch, wie es geht?“ er hielt ihr den knochenweißen Griffel entgegen. Der Wind zog durch die Fensteröffnungen und ließ sie schauern, er war noch immer kühl. Die Eisheiligen hatten gewütet, ihr Land in den Griff genommen und so froren sich noch im Mai. Vorsichtig machte sie ein paar Schritte auf den Flecken, den das Licht der Sonne auf den Boden warf. Ihr Vater ließ in seiner Buchkammer die Läden schon früh im Jahr entfernen. „Die Buchstaben mögen das Licht“, sagte er und lachte, wenn Notburgis sich beklagte, dass er so die Eisgeister ins Haus hineinließe, die sich in den steinernen Wänden einnisteten und sie das ganze Jahr über quälen und krankmachen würden.

Itlin gefiel die Helligkeit, auch wenn sie fror.

Sie nickte und nahm den zierlichen Stab aus der Hand ihres Vaters. Der Drachenkopf, der in den weißen Knochen geschnitzt war, schmiegte sich in die weiche Haut zwischen Daumen und Zeigefinger. Vor ihr glänzte das gerußte Wachs in dem hellen Holzrahmen. Seit der Vater mit dem König fortgezogen war, hatte sie nicht mehr geschrieben.

Sie durfte die Spitze nicht zu fest in das Wachs drücken, sonst würde es an den Rändern der Buchstaben hässliche Wülste geben, die Bewegung würde stocken, gebremst durch zu viel Wachs. Zu leicht durfte sie den Stab aber auch nicht ziehen, sonst ist die Schrift zu anstrengend zu lesen.

Aber was sollte sie denn schreiben? Sie spürte Vaters Augen auf sich. Sie wusste, dass er stolz war. Ihm gefiel, dass ihr die Worte zuflogen. Das Lesen, das Schreiben. Dass sie jedes Wort verstand, wenn er Latein sprach, auch wenn der Sinn für sie manchmal dunkel blieb. Sie mochte das Gefühl, den Schauer, der sie überkam, wenn sie in seinem Gesicht lesen konnte: Seht her, das ist meine Tochter! Ohne, dass er ein Wort sagen musste. Wie gern würde sie, dass das immer so war. Sie senkte das gespitzte Knöchelchen auf das Schwarz. FATER ritzte sie langsam in das weiche Wachs. Ja, sie konnte es noch. Sie hatte es nicht verloren. Der Stift gehorchte ihr, das Wachs wich. Und da stand es. FATER Sie strich sacht über das glatte warme Wachs. UNSER THU THAR BIST Nun flossen die Buchstaben so leicht, als steckte ihr Denken in ihren Fingern. Ja sie konnte es noch! IN HIMILE SI GIHEILAGOT THIN NAMO

 

Sie hatte die Buchstaben zu groß gewählt. Jetzt war die Seite schon gefüllt, die letzten Buchstaben saßen so eng zusammen, dass es schwer war, sie zu lesen. Sie schaute auf. Er nickte. Aber zufrieden war er nicht. „Latein, Itlin. Immer Latein. Du bist eine Gräfin von Reinhausen. Deine Sprache ist Latein.“ Ihr Kopf wurde warm. Wie hatte sie das vergessen können! Latein. Sie drehte den Stilo um und strich mit der Drachenzunge über das Wachs, hin und her. Aber die Buchstaben verschwanden nicht so schnell, wie sie das wollte. Das HIMILE war noch gut zu lesen, das Wachs ganz unruhig und dellig. „Lass nur Itlin. Du kannst es später in Ordnung bringen. Das Wachsbuch gehört Dir. Ich habe es für Dich aus Frankreich[1] mitgebracht.“ Fast musste sie weinen. Ein Wachsbuch ganz für sie allein. Sie drückte ihr Gesicht zwischen die Falten seines Wollmantels. Unter dem rauen Stoff spürte sie die Wärme seines Bauches. „Danke, Vater“ murmelte sie in den Mantel hinein. Und noch einmal. „Gratias, pater.“ Sie saugte tief die Luft ein und roch den Eiswind, kalt und metallisch, den Staub des Studierzimmers und sonnenverdorrtes Stroh, gemischt mit dem Geruch ihres Vaters, erdig und satt.

„Schon gut, schon gut“ er klopfte ihr auf den Rücken, sanft und rhythmisch und brummte, warm und wortlos.

„Jetzt komm, ich will Dir etwas zeigen.“

Er trat zum Tisch und jetzt sah sie es auch. Dort stand eine sechste Kiste. Dunkel, beschlagen mit Bronze, ohne Schnitzereien, nur zwei Leisten setzen den Deckel ab

 

Er griff sich ans Herz und zog die Kette hervor, an denen er die Schlüssel der Bücher trug. Langsam beugte er sich über die Kiste, fasste das kleine Vorhängeschloss und schob den kurzen Bart des eisernen Schlüssels hinein. Es klickte, ein Geräusch, leise und hart zugleich, und dann öffnete er endlich die Kiste mit einem leisen Seufzer. Mit beiden Händen klappte er den Deckel hoch und hob ein in Leinen geschlagenes Paket heraus, groß wie ein Laib Brot. Ein Buch. Sie spürte ihr Herz, wie es gegen ihre Rippen pochte. Vater hatte von seiner Reise tatsächlich noch ein Buch mitgebracht.

Sie hatte jede seiner Bewegungen verfolgt, studiert, wie sein Gesicht sich veränderte, sobald er die Kiste öffnete, als ginge ein Leuchten von dem Buch aus, dass da vor ihnen lag. Und ja, vielleicht war es so, dass man das Licht, das jedes Buch in sich trug, wie ihr Vater immer sagte, auch jetzt ein wenig glimmen sehen konnte.

 

Der würzige Geruch von Leder, gemischt mit einem Hauch von Staub und dem schwer zu beschreibenden, klaren Geruch des Pergaments schwebte ins Zimmer. Itlin schloss die Augen und atmete tief ein. Eine zittrige Vorfreude huschte durch ihren Bauch, ihren ganzen Körper. Sie musste sich sehr zusammennehmen, um nicht loszuhüpfen, was ihr Vater hasste, vor allem im Bücherzimmer.

Er legte das in Stoff gehüllte Bündel sachte vor sich auf den Tisch, seine Bewegungen langsam, wie die des Priesters, wenn er den Messwein ausschenkte. Das Leinen rauschte unter seinen Fingern, als er es vorsichtig entfaltete, um das Buch aus seinem Kokon zu schälen.

„Dies“ sagte er „ist ein ganz besonderes Buch, Itlin.“ Er schaute ihr in die Augen, mit einem Lächeln, das in seinen Augen zu tanzen schien. „Es ist ein Buch, dass uns Welten zeigt, die wir wahrscheinlich nie sehen werden.“ Er machte noch eine Pause, bevor er mit feierlicher Stimme sprach: „Dieses Buch hat Bilder.“ Bilder. Er schob das Wort mit seiner Stimme in den Vordergrund, stellte es mit seiner Stimme auf ein Podest, weit über die anderen. Itlin verstand nicht gleich. Bilder, die waren doch in jedem Buch. Immer wenn ihr Vater aus einem Buch vorlas, wurde es in ihrem Kopf klar und bunt zugleich. Ihre übereinander stürzenden Gedanken beruhigten sich und stattdessen entstanden in ihr aus den Worten Bilder, denen sie folgte, die sie trugen und die sie auch später immer wieder zu sich rufen konnte, wenn sie einen Zufluchtsort brauchte.

Er schlug den schweren ledernden Deckel auf und sie verstand, was er meinte.

 

Dort bogen sich seltsame Tiere über die Seiten, mit Flammen um den Hals, Stöckern am Kopf, Ritter sprengten auf Pferden dahin, bestürmten die Tiere mit Lanzen und sogar ein echter Heiliger war dort! Den Schein um seinen Kopf konnte sie genau sehen! Es war ein Wunder. Die Bilder hatten nichts gemein mit den gewebten Farbkleksen die Notburgis, sie und die anderen Frauen in mühsamer Arbeit aus der Wolle der Schafe und dem Flachs vom Feld fertigten. Sie waren fein und elegant, leicht wie Wolken schwebten die rotbraunen Striche über das Pergament. Sie beugte sich näher über das Buch, versuchte zu ergründen, wie diese Zauberei entstanden war, am liebsten wäre sie zu ihnen gekrochen, auf das Pergament und hätte sich in ihrem Getümmel verloren. „Was ist das, Vater?“ flüsterte sie.

„Das ist das Physiologus! Ein Buch über die Tiere und was sie bedeuten, für Jesus Christus, den Herrn.“ Sie zog die Augenbrauen zusammen. Tiere und Jesus. Was hatte das miteinander zu tun? Wie immer, merkte ihr Vater sofort, dass er sie verloren hatte, dass er für sie zu weit gesprungen war in seinen Gedanken. Er legte seine Hand zwischen ihre Schulterblätter und hockte sich neben sie. Gemeinsam blickten sie auf die Seiten. „Weißt du, das sind besondere Tiere. Mit einer besonderen Verbindung zu Gott.“ Sein Finger schwebte über der Seite. Das Pergament zu berühren wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Zu kostbar, zu empfindlich war das Wunderwerk, das vor ihnen lag. „Dieses hier zum Beispiel.“

„Die Feuer-Katze!“ rief sie voll Stolz, denn auch sie hatte sofort gespürt, dass dieses Tier etwas Besonderes war. Für einen kleinen Moment stutzte der Vater, blickte auf das Bild und lachte kurz auf. „So habe ich es gar nicht gesehen! Aber du hast Recht, es sieht ein bisschen aus, wie Feuer.“ Er strich mit seiner Hand sanft über den Rücken. „Das, Hrotsvit, das ist ein Löwe. Eine Katze, die größer ist als ein Mensch!“ Er richtet sich wieder auf und reckt die Arme in die Höhe, seine Hände krümmt er umher. „Er hat Krallen, groß und scharf wie Dolche, er hat mehr Kraft als zehn Pferde und kann so weit springen, dass du glaubst, er fliegt!“ Der Vater machte einen kleinen Hüpfer auf sie zu und fauchte. Itlin schrie auf vor freudigem Schreck. „Aber die Flammen! Warum brennt er denn?“ Das tat ihr schrecklich leid. Das mussten bestimmt schreckliche Schmerzen sein. Sie musste an Piet denken, den Pferdeknecht. Der war als Junge in einem brennenden Haus gewesen und hatte fürchterliche Narben auf seinem Arm. Irmentraud sagte, die Schmerzen des Feuers könne er bis heute spüren, so sehr, dass er manchmal im Schlaf weinte.

Ihr Vater schüttelte den Kopf. „Das ist kein Feuer. Das ist sein Fell, seine Krone aus goldenem Haar, die Gott ihm gegeben hat. Sie strahlt und glänzt in der Sonne und blendet seine Feinde. Damit alle sehen, dass er der König der Tiere ist. Dass er das Tier Jesu Christi ist.“ Sie betrachtete die Zeichnung noch einmal. Fast schien es ihr, als drehte der Löwe, der über die Buchstaben sprang, den Kopf zu ihr. Ihr Herz klopfte wild. Dass es so etwas Wunderbares gab! Wie unermesslich diese Welt sein musste. „Wie hast du das Buch gefunden?“ Sie konnte nicht glauben, dass irgendjemand bereit war, dieses Zauberding herzugeben.

 

Ihr Vater blickte sie an, strahlend und stolz. „Der König hat es mir geschenkt. Als Dank für meine Dienste.“ Sie lächelte, sah, wie sich die Sonne in seinem Haar verfing, sah den Glanz in seinen Augen, seine Hände, die so kräftig waren, dass sie Feinde mit dem Schwert niederschlugen und doch so sanft sein konnten, wenn er sie hochhob und umarmte. Sie hätte ihm alle Bücher der Welt geschenkt, wenn sie es nur gekonnt hätte.

Alle Texte und Bilder auf dieser Seite sind von Sarah Raich, Ausnahmen werden benannt.