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  • sarahraich

Den Hügel hinauf, in die Bäume hinein

Wir haben dieses romantische Bild von der Raupe, die sich zum Schmetterling wandelt.

Lange Zeit dachte ich, der Raupe wachsen halt Flügel, dort drinnen, in ihrem engen Kokon. Dass sich die Körper von Raupe und Schmetterling kaum ähneln, allerhöchstens in ihrer länglichen Form, habe ich vollkommen ignoriert.

Die Raupe, unansehnlich und gierig, verschwindet für ein paar Wochen in einem Ding, das sie sich selbst gebaut hat – und dann ist das hässliche, dicke Tierchen plötzlich ein filigranes Zauberwesen.

In Wahrheit ist die Wandlung Raupe zu Schmetterling ein überaus grausamer Prozess. Sobald die Raupe ihren Kokon bezogen hat, beginnt eine gnadenlose Zersetzung, die erst aufhärt, wenn von der Raupe nichts weiter übrig ist als ein Zellbrei. Eine gallertene Masse, eine formlose Kraft des Lebens, die nichts weiter mehr ist, als die Energie, die die Raupe in ihrem maßlosen Lebenssommer zusammengefressen hat.

Und an dem Punkt. In dieser absoluten Zerstörung setzt das Leben neu ein. Die Zellen finden sich wieder zusammen, knüpfen und weben sich ineinander, bis der neue Leib entstanden ist, bis die noch gefalteten Flügel bereit sind, ein zweites Leben in die Welt zu tragen.

Und so ist es doch seltsam und passend zugleich, dass wir so fasziniert sind vom Schmetterling. Die Raupe interessiert uns vielleicht noch ein wenig. Sie ist dick und lustig, manche sogar von skurrilem Aussehen, mit Haaren oder Dornen. Aber vom Kokon wollen wir nichts wissen. Wer tätowiert sich schon einen Kokon aufs Schulterblatt?

Dabei ist der Kokon das entscheidende. Dort passiert die Magie. Ohne Kokon bleibt die Raupe ein dickgefressener Wurm mit Beinen, der irgendwann wieder stirbt. Den magischen Moment übersehen wir also völlig. Wir interessieren uns nur für das Ergebnis und das wollen wir in möglichst bunten Farben und groß.

Was zu der Magie gehört, was es braucht, damit dieser Prozess passiert und das Neue entstehen kann, die Zersetzung, den Beinahe-Tod, die wollen wir noch viel weniger sehen.

Und da sitze ich plötzlich im Zimmer meiner Kindheit und soll morgen vorlesen, was ich mir über die Jahre an Worten abgezapft habe.

Ich fühle mich wie ein altes Schlachtross, das humpelnd und vernarbt vom langen Kampf zurück nach Hause kehrt.

Ich denke an das kleine Mädchen, das vor 35 Jahren in dieses Zimmer eingezogen ist und hier ein neues Leben beginnen sollte.

Ja, das Zimmer war ganz anders eingerichtet. Es hatte ein Hochbett mit einem Steuerrad aus Holz.

Aber der Blick aus dem Fenster, der war derselbe, den Hügel hinauf in die Bäume hinein.

Ich muss an sie denken, mein kleines früheres Ich, denn ungefähr zu der Zeis, als sie nach Wiershausen zog, hat sie das mit den Büchern so richtig verstanden.

Sie hat begriffen, dass Bücher nicht einfach DA sind. Sie weiß jetzt, dass es Menschen gibt, die sie schreiben und andere, die daraus ein Buch machen.

Das Machen scheint ihr zweitrangig.

Aber dieses Schreiben ...

Sie hat es gerade gelernt und ist überwältigt von der schier unendlichen Macht, die in diesem Lesen und Schreiben steckt.

Sie hat tatsächlich schon ihre ersten, sehr kurzen Kurzgeschichten geschrieben.

Sie hat dafür ausreichend Applaus stolzer Erwachsener eingeheimst und findet, das hat sie im Griff.

Und eine leise Idee beginnt zu keimen, auf die andere Seite zu wechseln. Von der Lesenden zur Schreibenden zu werden.

Vielleicht wird sie aber auch Tierärztin. Ganz sicher ist sie sich noch nicht. Aber Geschichten ausdenken ... ja, der Gedanke gefällt ihr.

Und so stehen wir beide am Fenster, schauen in die Bäume und die aufziehende Dunkelheit und denken aneinander.

„Was machst du hier?“, flüstert sie mir schließlich zu.

„Hmmmm. Ich lese hier morgen vor.“

Ihre Augen werden groß und rund. „Unsere Geschichten?“

„Naja, meine Geschichten,“ sage ich und denke daran, was sie alles noch nicht weiß. Was sie alles noch vor sich hat.

„Aber ja,“ sage ich schließlich. „Es sind Sachen, die ich selbst geschrieben habe.“

„WIR WERDEN SCHRIFTSTELLERIN!“ sie springt jubelnd auf und ab. „Wir denken uns den ganzen Tag Geschichten aus! Ist das nicht toll?“ Sie schlingt ihre Arme um mich und drückt mich ganz fest.

„Jetzt mal langsam!“ Sie fängt an, mir ein bisschen auf die Nerven zu gehen. „Du weißt doch gar nicht, was das heißt!“

Zornig blitzt sie mich an.

„Ich habe auch schon Geschichten geschrieben!“, faucht sie. „Das weißt du ganz genau!“

Ich seufze. „Ja. Ich weiß. Ich kenne ja sogar eine auswendig. TAKUNTNACHTABAKLAUSWAIMANOCHWACHT. ERWUSTENICHMEAWORAUFERWATETEPLÖTZICHKAMER: DER WADERZIRKUS.“

„Siehst du?“ sagt sie triumphierend.

Ich lache, ein bisschen bitter. „Das reicht aber nicht! Lern erstmal Rechtschreibung. Weißt du eigentlich, wie anstrengend es ist, einen Text zu lesen, wenn jemand dauernd g und ka verwechselt und die Wörter nicht voneinander trennt?!“

„Es kommt darauf an, was drin steht! Ob es Spaß macht!“ schleudert sie mir entgegen. Und da hat sie ja irgendwie Recht.

„Ja, siehst du. Das ist ein weiteres Problem an der ganzen Sache. Um gute Geschichten schreiben zu können, musst du erstmal was erleben. Und zwar nicht nur Schönes. Vor allem musst Du fühlen. Du musst so tief fühlen, dass daraus Worte werden können, die anderen etwas sagen.“ Ich blicke zu ihr. Sie lässt mich nicht aus den Augen. Jedenfalls habe ich jetzt ihre volle Aufmerksamkeit.

„Und das fiese ist,“ fahre ich fort „die dunklen Gefühle, die schmerzhaften, die harten, die verzweifelten, die die dich wirklich quälen, die sind dafür wichtiger!

Warum weiß ich auch nicht. Aber es geht nicht ohne. Du musst ganz tief rein in die Scheiße. Du musst bis auf den Grund tauchen. Sonst wird das nichts mit dem Schreiben. Jedenfalls nicht bei uns.“

Sie zuckt nur mit den Schultern. „Ich mach das schon,“ sagt sie leichthin. „Da mach dir mal keine Sorgen.“

Langsam werde ich ernsthaft sauer.

„Du hast doch keine Ahnung wovon du da redest! Du wirst schreiben, aber du wirst jedes Wort hassen! Du wirst Rotz und Wasser darübr heulen, weil du es so hasst und es dennoch nicht lassen kannst!“ Ich sehe es an ihren Augen. Ich habe sie kein bisschen überzeugt.

„Du wirst sogar Jura studieren, nur um Dir zu beweisen, dass es besser ist, etwas Vernünftiges zu machen!“ rufe ich. „Du wirst ein Kind bekommen, das dich 2 ½ Jahre nicht schlafen lässt, weil du seine Radikalität brauchst, um zu verstehen, dass Karriere machen auch Unsinn ist!“ Okay, jetzt habe ich sie verloren...

Ich überlege, ihr vorzurechnen, was für ein finanzieller Schwachsinn die Schriftstellerei ist. Dass man tausende Stunden da sitzt und nicht weiß, ob das irgendwohin führt. Dass man mit Glück 1,50 Euro für ein Buch bekommt und unfassbare 1000 Bücher verkaufen muss, um dann 1500 Euro zu haben.

Aber dann fällt mir ein, dass ihre Währung bunte Tüten vom Schwimmbadkiosk sind und sie nur an den riesigen Berg Süßigkeiten denken wird, den sie von dem Geld kaufen kann.

„Sarah,“ versuche ich es freundlich. Mit Kindern soll man ja immer in Bildern sprechen.

„Du kennst doch die Wandlung von der Raupe zum Schmetterling.“

„Ja klar!“ sagt sie stolz. „Die Raupe baut sich ein Haus, das heißt Kokon, dann schläft sie und wenn sie aufwacht, dann knabbert sie ein Loch hinein – und heraus kommt ein wunderschöner Schmetterling.“

Ich nicke langsam. „Ja, siehst du. Und so einfach ist das nämlich gar nicht. Da hat man dir nur die halbe Wahrheit erzählt!

Die Raupe, sie schläft gar nicht. Sie zersetzt sich, bis von ihr nichts mehr übrig ist, als ein Zellbrei. Sie ist einfach nur noch Raupenmatsch, bevor sie überhaupt daran denken kann, ein Schmetterling zu werden.“ Matsch kann nicht denken, klar. Ich hoffe, sie erwischt mich nicht. Blöd ist sie nämlich nicht, die Kleine.

Ich hole zum finalen Argument aus: „Und jetzt stellt dir mal vor, das bist du!“

Sie strahlt über das ganze Gesicht. „Ich werde ein Schmetterling?!“ Vor Freude beginnt sie wieder zu hüpfen. „Ein Schmetterling! Ein Schmetterling!“

Ich seufze. „Ich weiß es nicht“, sage ich. „Ich hoffe es.“

„Toll“ sagt sie und knufft mich in die Seite.

„Aber ich habe gar keine Ahnung, was für einer!“ wende ich ein. „Vielleicht wirst du so ein kleiner brauner Dickkopffalter. So einer, den kaum einer bemerkt. Es gibt auch Wespenarten, die Raupen sind und Kokons bauen. Und Wespen mag fat niemand!“

„Neeee“ sagt sie und schaut lächelnd aus dem Fenster. Die ersten Sterne sind aufgegangen. „ICH werde ein Schwalbenschwanz.“

„Hmmmmm“ sage ich und lege ihr den Arm um die Schulter. „Wir werden sehen. Jetzt kann man wohl eh nichts mehr machen. Nun sitzen wir ja im Kokon und können nur warten, auf das, was da kommt.

„Ach Quatsch“ sagt sie und zieht die Nase hoch. „Das ist doch unser Kokon. Es ist doch immer noch unser Matsch.“ Ich sehe schon. Sie hat wieder alles im Griff.

„Du musst wohl immer das letzte Wort haben, was?“


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